Die Sterne leuchten am Erdenhimmel | Sylvana Freyberg

Habt ihr schon mal Science Fiction aus Südkorea gelesen? Nicht. Dann habt ihr hier jetzt die Gelegenheit. Neun Autor*innen liefern uns mit ihren Kurzgeschichten interessante Einblicke in das Genre.

Broschierte Ausgabe des Buchs "Die Sterne leuchten am Erdenhimmel" mit dem Cover nach vorne in einem Bücherregal stehend

Südkoreanische Science Fiction habe ich seit ca. 2003 auf dem Schirm, seit ich den herrlich schrägen Film Save The Green Planet gesehen habe. Als starke, innovative Filmnation ist Südkorea so etwa seit dieser Zeit bekannt, seit Oldboy in die Kinos kam. Bis es so richtig mit der SF losging, dauerte es aber noch etwas. 2012 erschien der beeindruckende Episodenfilm Doomsdaybook und in den letzten Jahren Netflix-Produktionen wie Space Sweepers, Jung-E und die Serie The Silent Sea.

Während japanische Literatur bei uns seit vielen Jahren dank Autor*innen wie Haruke Murakami oder Yoko Ogawa relativ viel Aufmerksamkeit erhält, ist es um die südkoreanische lange still gewesen. Was sicher auch an dem späten Ende der Diktatur 1987 liegt. Erst Hang Kans Die Vegetarierin von 2016 scheint mir einen kleinen Boom an Übersetzungen aus dem Koreanischen ausgelöst zu haben. Auch was phantastische Werke angeht. Bei Golkonda sind in den vergangenen Jahren einige Titel erschienen, Der Fluch des Hasen von Bora Chung (auch in dieser Anthologie vertreten) schaffte es auf die Shortlist des International Booker Prize (den Die Vegetarierin übrigens gewann) und erschien kürzlich auch auf Deutsch bei Culture Books. Die ganz großen Verlage haben Südkorea wohl weiterhin nicht auf dem Schirm (eine kleine Ausnahme bildet Young-do Lees Fantasyreihe Die Legende vom Tränenvogel, die ab April bei Heyne erscheint), aber immerhin die kleineren Unabhängigen.

Und zu denen gehört auch Memoranda. Dort ist jetzt mit Die Sterne leuchten am Erdenhimmel auf Initiative von Herausgeberin Sylvana Freyberg (zusammen mit Alexandra Dickmann und Jaewon Nielbock-Yoon) eine Anthologie mit Science-Fiction-Kurzgeschichten von neun südkoreanischen Autor*innen erschienen.

Ich muss gestehen, Kurzgeschichtenbände und Anthologien bespreche ich nicht so gerne, einfach weil es schwierig ist, einen ausreichenden Eindruck vom Buch zu vermitteln, ohne von den einzelnen Geschichten zu viel zu verraten. Gerade bei Kurzgeschichten, die von originellen Prämissen und Pointen leben, liegt der Reiz für die Leser*innen auch darin, sich von den Storys überraschen zu lassen.

Da bis auf die paar Titel bei Golkonda sonst noch keine koreanischer Science-Fiction-Roman auf Deutsch erschienen ist, und mir auch keine Übersetzungen einzelner Kurzgeschichten bekannt sind, ist Die Sterne leuchten am Erdenhimmel, neben oben erwähnten Filmen und Serien, eine tolle Gelegenheit, Einblicke in die südkoreanische Science Fiction (und damit auch die Gesellschaft) zu erhalten. Es sei noch angemerkt, dass alle neun Autorinnen bei der gleichen Agentur unter Vertrag sind, die Sylvana Freyberg die Geschichten vermittelt hat. Deswegen kann ich nicht beurteilen, wie repräsentativ dieser Querschnitt ist.

Besprechung

Kommen wir aber endlich zu den Geschichten selbst. Die haben mir insgesamt sehr gut gefallen. Teilweise sind sie vielleicht nicht ganz auf dem aktuellen internationalen Stand (das sind deutsche SF-Kurzgeschichten meist allerdings auch nicht), behandeln aber einige interessante Themen und Aspekte.

Die titelgebende Geschichte Die Sterne leuchten am Erdenhimmel von Kim Bo-Young ist ein Brief, geschrieben von einer Person, die an einer seltenen Form von Narkolepsie leidet und ihrem Bruder davon berichtet. Viel mehr möchte ich gar nicht verraten, denn es ist die Pointe, die der Geschichte etwas Besonderes verleiht und die Perspektiven verschiebt. Schön ruhig und leicht melancholisch geschrieben,

Und auch Pentagon von Dunja ist die Art von Kurzgeschichte, bei der ich die Grundprämisse lieber nicht spoilern möchte, da Reiz und Spannung in ihrer Auflösung liegen. Es geht um fünf Menschen, die von einer Art Regierungsinstitution gefangengehalten werden, bis eine von ihnen entkommt und anfängt, andere Leute umzubringen. Was es damit auf sich hat, wie die fünf Personen miteinander verbunden sind, das ist eine wirklich interessante SF-Idee, die über den eher etwas schleppenden bzw. wenig originellen Verlauf hinwegtröstet.

Lee Sanhwas Neustart ist für mich die schwächste Geschichte der Sammlung, obwohl die Prämisse schon sehr SF ist. Zwei Astronauten finden sich in einer Zeitschleife wieder und müssen die drei Minuten ihres tödlichen Absturzes immer wieder neue erleben. Warum das eine heikle Situation ist, die über das Schicksal der beiden hinausgeht, will ich hier jetzt nicht verraten, doch die zwei befinden sich in einem interessanten moralischen Dilemma, das mich in der Ausführung aber nicht so gepackt hat.

In Ein Hauch von Vintage lotet Lee Seoyoung Möglichkeiten aus, die künstliche Intelligenz in Sachen Sexualität bietet und erzählt von einer Protagonistin, die nicht mit jeder neuen Mode geht, sondern an ihrem eher altmodischen Modell hängt, für das der Wartungsservice bald ausläuft. Hier geht es jetzt nicht um das Schicksal der Menschheit, sondern um eine kleine Alltagssache, die zeigt, in welchen Bereichen KI auch eine Rolle spielen kann.

Bora Chung fügt dem Genre mit Eine ganz normale Ehe nichts wirklich Neues zu, ist aber ganz atmosphärisch geschrieben. Da Boras Kurzgeschichtensammlung Der Fluch des Hasen gerade so hoch gelobt wird, hatte ich hier etwas mehr erwartet. Die Pointe ist, da es sich um eine SF-Anthologie handelt, keine Überraschung. Die Geschichte könnte aber auch als Parabel über den Status der Ehe in der südkoreanischen Gesellschaft gelesen werden, wobei Kinderbekommen hier keine Rolle spielt.

Sisff von Park Seolyeon ist keine wirkliche Erstkontaktgeschichte, da dieser Kontakt schon länger zu bestehen scheint, aber eine nette Geschichte über die Begegnung einer Schriftstellerin mit einem Außerirdischen. Eigentlich eine philosophische Reflexion über Krieg und Frieden und das Wesen der Menschheit.

In Genesis von Jeon Samhye muss eine Schülerin, die als Strafarbeit allein zu Wartungsarbeiten auf den Mond geschickt wurde, mitansehen, wie der Erde Schlimmes passiert und resümiert dabei in Briefen an ihre Freundin, in die sie verliebt ist, ihr bisheriges Leben. Die Geschichte hat noch eine nette Idee zur Nutzung des Mondes und ist gut geschrieben.

Abschlussbemerkungen

Es sei noch angemerkt, dass das Buch knapp 200 Seiten hat, was für einen ersten Einblick bzw. Einstieg in die südkoreanische Science Fiction völlig ausreichend ist. Da halte ich den Preis 22 Euro durchaus für gerechtfertigt, gerade angesichts dessen, wie schwierig Übersetzungen aus dem Koreanischen zu bekommen sind und das wir hier die erste südkoreanische Science-Fiction-Anthologie in deutscher Übersetzung vorliegen haben. Noch mal ein großes Lob an Sylvana Freyberg und ihre Helferinnen Alexandra Dickmann und Jaewon Nielbock-Yoon (und Verleger Hardy Kettzlitz). Ich weiß (wenn auch nicht aus erster Hand), wie schwierig es ist, ein solches Projekt mit Geschichten zusammenzustellen, die nicht auf Englisch erschienen sind. Zumal sowieso kaum noch Kurzgeschichten (auch aus dem Englischen) ins Deutsche übersetzt werden.

Eine Anthologie mit chinesischen SF-Kurzgeschichten ist ja vor ein paar Jahren bei Heyne erschienen, ich habe sie hier besprochen, aber jetzt würde ich auch gerne eine mit japanischen haben.

Hier noch alle beteiligten Übersetzer*innen: Alexandra Dickmann, Andrea Margot Koschan, David Röttger, Mareike Urbanek und Julia Zachulski.

Disclaimer: Das Buch habe ich vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen, mit dem ich seit meiner Zeit in der Berliner Phantastikszene und durch das frühere Umfeld des Golkonda Verlags fandomfreundschaftlich verbunden bin.

Sylvana Freyberg hat übrigens einen Artikel über südkoreanische Science Fiction, der auf Tor Online erscheinen ist.

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