„Projekt Lightspeed“ von Joe Miller mit Uğur Şahin und Özlem Türeci

Wäre die Geschichte von BioNTech ein Marvel-Film, wäre Uğur Şahin Tony Stark und Özlem Türeci Pepper Potts. Ein visionärer Tüftler und Geschäftsmann, der gegen alle Widerstände, Bedenken und Unwahrscheinlichkeiten seinen Weg geht und mit Erfindungen die Welt verändert, während seine Frau das Team perfekt ergänzt, die Fäden zusammenhält und die komplizierten wissenschaftlichen Methoden für Nicht-Fachleute in verständliche Worte packt, in Sachen Forschung ihm aber in nichts nachsteht.

Viele (zumindest zu viele) haben Bedenken gegen die neuen Impfstoffe, weil sie so schnell entwickelt wurden. Ich kenne das aus meinem Umfeld. Im erweiterten Familienkreis gibt es sogar einen Arzt, der seinem Familienzweig von der Impfung abrät, obwohl er selbst viele Jahre in Afrika tätig war und wissen müsste, wie wichtig Impfungen sind.

Allen, die noch nicht total im Coronaleugnungsschwurbelverschwörungssumpf versunken sind, die einfach Angst vor dem Impfstoff, der schnellen Entwicklung haben, und den ganzen Fakenews, die die Runde machen und von denen doch irgendwie bei vielen was hängen bleibt, kann ich dieses Buch nur ans Herz legen.

Autor Joe Miller (von der Financial Times) hatte Zugang zu den BioNTech-Gründer*innen Şahin und Türeci (weshalb diese auch als Co-Autoren genannt werden), zu den Mitarbeitern und Investoren, zu Führungspersonen in kooperierenden Unternehmen aber auch den Mitarbeiter*innen in den Zulassungsbehörden. Wodurch er in der Lage ist, ein ziemlich vollständiges und transparentes Bild von der ersten Idee bis zu den ersten Impfungen zu zeichnen.

Ein Forscherpaar, ein Unternehmen, ein Impfstoff

Projekt Lightspeed erklärt nachvollziehbar und verständlich, wieso es dem Forscherpaar und ihrem Team gelang, so schnell einen verlässlichen und sicheren Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln, obwohl sie sich zuvor gar nicht groß mit Infektionskrankheit beschäftigt hatten, sondern ein Mittel gegen Krebs suchten.

Gleichzeitig erzählt das Buch den Werdegang der beiden Forscher’innen, ihre Lebensgeschichte, wie sie sich kennenlernten und zum unschlagbaren Team wurden, wie sie ihr erstes Unternehmen Ganymed gründeten und schließlich BIoNTech.

Das Buch setzt am 11. Januar 2020 ein, als Uğur Şahin einen Artikel über den Ausbruch einer neuen Infektionskrankheit im chinesischen Wuhan las, was ihn prompt dazu veranlasste einige Kalkulationen vorzunehmen, die ihn zu dem Schluss kommen ließen, dass eine weltweite Pandemie mit geschätzt 4. Millionen Toten kurz bevorstand. Bereits an diesem Tag begann er damit, erste Ideen für einen möglichen Impfstoff zu entwickeln (fairerweise sollte erwähnt werden, dass auch andere Unternehmen wie Moderna ähnlich schnell reagierten). Kapitel für Kapitel wird dieser Prozess chronologisch geschildert, erzählt mittels Rückblenden aber auch parallel die Geschichte der beiden Forscherinnen und des Unternehmens.

Spannend wie ein Thriller

Ich habe mir das Buch gekauft, weil ich einfach mehr über den Impfstoff und seine Entwicklung wissen wollte, hatte aber eher eine trockene Lektüre erwartet. Stattdessen konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen, so spannend ist es geschrieben. Fast wie ein Wissenschaftsthriller á la Michael Chrichton. Trotz der Spannung werden alle wissenschaftlichen Prozesse und Zusammenhänge detailliert aber doch verständliche erklärt. Die Geschichte des Impfens von den ersten Versuchen Edward Jenners im 18. Jahrhundert an einem Pockenimpstoff bis heute; die mRNA-Technik, die lange als ungeliebtes Stiefkind der Forschung galt; all die unternehmerischen und produktionstechnischen Hürden, in solchen Mengen und so schnell zu produzieren und die bürokratischen Untiefen, die eine solch rasante Zulassung eigentlich unmöglich machen. Miller erwähnt durchaus auch Fehlschläge in der Impfforschung und die wenigen Fälle, in denen die Wirkung des Virus noch verschlimmert wurde. Es hätte auch schiefgehen können, indem ein nur schwach wirksamer Impfstoff dabei herausgekommen wäre, so wie bei Curevac. Auch Glück spielte ein gewisse Rolle.

Vertrauen hatte ich sowieso schon in den Impfstoff (bin mit ihm geboostert), nach Lektüre von Projekt Lightspeed ist das aber noch mal deutlich angestiegen. Denn es wird plausibel und nachvollziehbar erklärt, warum die mRNA-Technik sicher ist und keine langfristigen Folgen haben wird. Da natürlichen Abwehrkräfte des Körpers erhalten über die Messenger-RNA einfach eine Art Blaupause zur Beschaffenheit des Feinds (des Covid-Virus) und werden darauf trainiert, diesen effektiv zu bekämpfen. Der eigentlich mRNA-Impfstoff baut sich innerhalb weniger Stunden wieder ab. Was bleibt, sind gute informierte Verteidigungstruppen, die wissen, wie sie mit der Bedrohung umzugehen haben.

Das medizinische Potenzial der mRNA-Technik ist atemberaubend und vielversprechend. BioNTech hat bereits erste Erfolge bei der Krebsbehandlung erzielt. Als Nächstes steht ein Impfstoff gegen Malaria an. Der Medizin steht hiermit eine Präzessionswaffe zur Verfügung, die ihresgleichen sucht.

Persönliche Einblicke

Miller versäumt es nicht, das Ganze aber auch ein persönliche Ebene zu holen, die uns die Menschen Uğur Şahin und Özlem Türeci näher bringt. Er berichtet von den wöchentlich festen Restaurantbesuchen mit der Tochter, den Filmabenden, bei denen sie am liebsten Superheldenfilme oder Herr der Ringe schauen; davon, dass Şahin, keinen Führerschein hat, weil er lieber mit dem Fahrrad fährt, um keine Zeit im Stau zu verschwenden. Es gelingt ihm auch, die einnehmende und elektrisierende Persönlichkeit Şahins zu schildern, die schon viele Investoren, Mitarbeiter und Kooperationspartner mit ihrer fachlichen Kompetenz, der Risikobereitschaft und dem visionären Blick auf die Zukunft überzeugen konnte.

BioNTech ist ein relativ kleines deutsches Unternehmen aus Mainz, das vor der Pandemie kaum jemand kannte, und das selbst innerhalb der Branche nur wenige auf dem Schirm hatten. Inzwischen ist es durch die Impfstoffentwicklung und die Kooperation mit dem Pharmariesen Pfizer milliardenschwer.

Big Pharma und ein bitterer Beigeschmack

Miller zeichnet auch ein durchweg positives Bild aller Führungspersonen aus den großen Pharmafirmen, die in der Krise auch tatsächlich die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Das heißt aber nicht, dass man Big Pharma uneingeschränkt vertrauen sollte, Jenseits von Querdenkergeschwurbel gibt es durchaus einiges zu kritisieren. Auf Disney+ zeigt die Serie Dopesick gerade eindrucksvoll, welches Leid große Pharmaunternehmen (darunter neben Purdue auch Johnson & Johnson) mit der aggressiven Markteinführung und Verharmlosung des Opioids Oxycontin als Schmerzmittel in den USA ausgelöst haben. Das ist alles kein Thema im Buch, sollte aber bei aller Begeisterung über den medizinischen Fortschritt und den Segen der Impfstoffe nicht vergessen werden.

Doch der Lektüre dieses mitreißenden Buches kommt inzwischen auch mit einem bitteren Beigeschmack. Denn all die Anstrengungen, diesen Impfstoff zu entwickeln, dessen Wirksamkeit alle Erwartungen übertroffen hat (nicht vergessen, Grippeimpfstoffe haben teils nur einen Schutz von 60%, BioNTech und Moderna fast 90%) waren bei uns in Deutschland umsonst (natürlich nicht völlig, viele Leben wurden trotzdem durch die Impfung gerettet), da sich ein viel zu großer Teil der Bevölkerung weiterhin der Impfung verweigert und uns damit in eine heftige vierte Welle geführt hat, die alles bisher dagewesene übertreffen wird. Die Intensivstationen sind voll, das System kurz vor dem Kollaps, geplante Operationen werden verschoben, viele Menschen leiden auch unabhängig von Covid-19, die Infektionszahlen hoch wie nie, weiterhin sterben jeden Tag hunderte von Menschen. Ein Ende der Pandemie und der Beschränkungen ist nicht in Sicht. Dabei hätte alles so einfach sein können, wenn mehr Menschen auf die Wissenschaft vertraut hätten. Während ein Großteil der ärmeren Welt weiter auf ausreichend Impfstoff wartet, ist er bei uns den Sommer über in den Lagern verfallen.

In der aktuellen Situation zerbröckelt die Illusion von einem modernen und kultivierten Deutschland, das immer noch glaubt, Vorbild und Vorreiter für den Rest der Welt zu sein, und hervor treten ein dysfunktionaler Staat, eine Demokratie mit Auflösungserscheinungen und eine Gesellschaft, die auf dem Weg in die Zukunft irgendwo falsch abgebogen ist.

Die Geschichte vom BioNTech-Impfstoff ist keine deutsche Erfolgsgeschichte, sondern ein der international vernetzten Wissenschaft, die offen ihre Forschungsergebnisse miteinander teilt. BioNTechs Angestellte kommen aus 32 Ländern; der Entwickler der Lipide, der Fettkügelchen, in die der Impfstoff eingepackt wird, kommt aus Kanada, ein Mitarbeiter einer US-Behörde teilte offen seine Daten; ein wichtiger Teil der ersten Produktionschargen fand in Österreich statt, weitere wichtige Daten zum Virus kamen aus China.

Die, die es eigentlich müssten, werden dieses Buch wohl nicht lesen, ich hoffe aber trotzdem, dass es einige erreichen und ihnen die Angst vor dem mRNA-Impfstoff nehmen wird.

Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde das Buch von Henriette Zeltner-Shane, Hainer Kober, Elisabeth Liebl, Sylvia Bieker, Rita Seuß, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann. Das war also auch ein Übersetzungsprojekt Lichtgeschwindigkeit. Bei 300 Seiten und sieben Übersetzer*innen dürfte es sich um eine Über-Nacht-Aktion gehandelt haben, was man aufgrund diverser Fehler dem Buch auch leicht anmerkt, wobei es sich stilistisch trotzdem einwandfrei liest. Erschienen ist es bei Rowohlt.

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