„Afterlives“ von Abdulrazak Gurnah

Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da. Im damals sogenannten Ostwestafrika, mit ihrer Schutztruppe, damit sich die »armen Wilden« auch gleich viel sicherer und vor sich selbst geschützt fühlen. Abdulrazak Gurnahs Afterlives erzählt dieses Stück Kolonialgeschichte aus Sicht derer, die da kein Mitspracherecht hatten, am Beispiel einiger weniger Protagonist*innen, die sich im Laufe der Geschichte zu einer Familie zusammenfinden. Und zwar über mehrere Jahrzehnte, immer wieder zoomt Gurnah in bestimmte Lebensabschnitt rein, und schildert sie ausführlich im Detail, während andere im Zeitraffer und oft im größeren gesellschaftlichen Zusammenhang erzählt werden. Handlungsort ist größtenteils die Gegend, die heute als Kenia bekannt ist.

Im Prinzip ist Afterlives ein klassischer Roman über den 1. Weltkrieg, der von jungen Soldaten und ihren Angehörigen erzählt. Aus der Zeit vor dem Krieg, was der Krieg für die Menschen abseits der Front bedeutet, wie es den naiven Rekruten im Kampfeinsatz ergeht und wie sie als Versehrte aus dem Krieg zurückkehren und versuchen, ins Leben zurückzufinden – nur eben aus afrikanischer Perspektive. Ein Volk, das im erbarmungslosen Griff der Kolonialmächte (Deutsche und Briten, teils auch Belgier und Portugiesen) zwischen die Fronten gerät und neben dem schon alltäglichen Leid und den Konflikten und Aufständen noch mehr Gewalt und Tod erlebt.

Es ist aber auch die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die sich unter strikten gesellschaftlichen Regeln zaghaft einander annähern. Beide suchen nach einer schweren Kindheit und dem Krieg ihren Platz im Leben. Afya und Hamza, die beide früh ihre Eltern verloren oder ihnen entrissen wurden und als Kinder ein Leben wie in Sklaverei oder Leibeigenschaft führen, bis sie Menschen finden, die ihnen daraus halfen und sie dabei unterstützen, ein selbstständiges Leben aufzubauen.

Liebevoll und voller Empathie erzählt Gurnah von diesen Menschen, ihrem Alltagsleben und den Einflüssen, die die Kolonialherrschaft darauf hat. Ein kleines Familienepos in großem Kontext, das am Ende in einem packenden Schlusskapitel sogar epische Ausmaße annimmt, als es einen der Nachfahren nach Deutschland verschlägt, wo er einen Teil seiner bisher unbekannte Familiengeschichte recherchiert.

Obwohl das Buch nur knapp über 200 Seiten hat, habe ich relativ lange daran gelesen. In der gleichen Zeit habe ich kürzlich Bücher von dreifacher Länge beendet. Dabei hat mich die Lektüre von Afterlives nie gelangweilt. Es ist, als stecke in diesen wenigen Seiten so viel mehr als in anderen längeren Büchern. Als würde die Reise zwischen den Zeilen verschlungene Pfade einschlagen, obwohl man eigentlich einen geraden Weg geht.

Bisher ist das Buch noch nicht auf Deutsch erschienen. Nachdem Gurnah aber den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat, hat sich Penguin Deutschland die Rechte an seinen Büchern gesichert.

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