In Bernstein gebannt | Alessandra Reß
Pogopuschel | Veröffentlicht am |
Ein geheimer Klub, der die Erinnerung an Dinge würdigt, indem er sie stiehl. Ein mysteriöses Tagebuch, in dem von Fae und Fabelwesen die Rede ist. Was zunächst aus Spaß und Geselligkeit begann, wird für die junge Studentin Natalie in der Stadt der zwei Flüsse bald zu bitterem Ernst, wenn sie feststellt, dass die Welt nicht ist, wie sie ihr bisher erschien.
In Koblenz bin ich vier Jahre lang zur Schule gegangen, mit dem Bus ging es vom Rand des Westerwalds über den Rhein in die Stadt, links überragt auf der Strecke die Festung Ehrenbreitstein alles, recht sitzt Kaiser Wilhelm steif auf seinem Pferd und schaut am Deutschen Eck zu, ob auch alles seine Richtigkeit hat, wenn die Mosel in den Rhein fließt. Koblenz war immer die Anlaufstelle für mich, wenn es am Wochenende zum Einkaufen ging, Klamotten, aber vor allem Bücher. In vielen geschwänzten Schulstunden habe ich einiges von der Stadt zu sehen bekommen, doch als einen Ort voller Mythen und Sagen habe ich sie mir nie vorgestellt. Trotz all der Festungen, Burgen, Schlösser, Kirchen, Stadtmauern und historischen Gebäuden, vor allem in der pittoresken Altstadt. Zu hässlich war für mich der Rest, der nachträglich hinzugebaut wurde.
Alessandra Reß stammt ursprünglich auch aus dem Westerwald, aus dem direkten Nachbarort von mir, lebt aber schon seit vielen Jahren in Koblenz, wo sie auch studiert hat. Somit hatte sie also deutlich mehr Zeit, sich vom Zauber der historischen Vergangenheit, von all den Gässchen, Giebeln, Winkeln und Ruinen verzaubern zu lassen.
Was, wenn mehr dahintersteckt, wenn sich in all den Schatten Magie und Fabelwesen verbergen? So ergeht es zumindest unserer Hauptfigur Natalie, die in Koblenz Soziologie studiert und an einem Klub teilnimmt, der sich Die Sammler nennt. Und was des einen Sammelns, ist des andere Stehlens (kann ich das so schreiben 😉 ). Sie sammeln Gegenstände mit Erinnerungen, also Sachen, die keinen materiellen Wert haben, sondern ihren Besitzer*innen etwas wegen der Erinnerungen bedeuten, die sie damit verbinden. Und dazu machen die Klubmitglieder*innen schon mal lange Finger oder klettern an Fassaden hoch und steigen in fremde Wohnungen ein.
Zumindest Natalie macht das und landet dabei in der falschen Wohnung und stiehlt das falsche Tagebuch, das ihr eine völlig neue Welt eröffnet, aber auch einen Nixenschwanz an Problemen. Denn im Tagebuch schreibt eine gewisse B. davon, dass sie eine Fey aus einer Anderswelt sei, die nun in die Welt der Vergänglichen verbannt wurde. Und plötzlich kann Natalie hinter den Glimmer sehen und die Fabelwesen erkennen, die sich als Menschen tarnen, und gerät schnell in ihren Bann.
Ich habe mich in dem Roman sofort wohl gefühlt. Wie Alessandra hier das Studentenleben in der Stadt schildert, den Klub mit dem interessanten Schwerpunkt, aber auch die Gegenstände und die Erinnerungen, an denen deren Besitzer hängen. Das hat etwas wunderbar Melancholisches, aber auch Wehmütiges, bei der Vorstellung, dass so unscheinbar wirkender Nippes einem so viel bedeuten kann. Die Einführung in die Welt der Fey findet sehr behutsam statt, Stück für Stück erschließt sie sich uns etwas mehr, bleibt aber immer ausreichend kryptisch, um noch geheimnisvoll und mysteriös zu wirken. Dabei ist alles geschickt inszeniert und hat am Ende, ohne viel Action und Drama, einen großen Payoff.
Erschienen ist In Bernstein gebannt im neu gegründeten Brosch Verlag von Hanna Brosch in einer wirklich schicken Klappenbroschur-Ausgabe.


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