Barfuß durch Hiroshima Bd.1 | Keiji Nakazawa

Meine Besprechung des mitreißenden und erschütternden 1. Bands von Barfuß durch Hiroshima. Dazu ein paar Eindrücke von meiner Reise nach Hiroshima nach Lektüre des wohl wichtigsten Mangas aller Zeiten.

Deutsche Taschenbuchausgabe des Mangas "Barfuß durch Hiroshima".

Der Manga

Auf den ersten Seiten überrascht mich, wie cartoonhaft die Zeichnungen sind, vor allem, wenn es um Gewalt geht. Wenn der pazifistische Vater seine Söhne verdrescht oder selbst von der Polizei verprügelt wird. Als wolle Nakazawa diese Gewalt etwas abmildern. Aber vielleicht ist es auch einfach der Entstehungszeit geschuldet, in der Comics noch nicht so realistisch gezeichnet wurden. Die Entbehrungen dieser Zeit, vor allem, was den Hunger angeht, bringt er aber eindrücklich rüber. Ebenso den verblendeten Nationalismus der Bevölkerung. Die Schilderungen der Aggressionen in der Gesellschaft sind sogar ziemlich drastisch und nehmen viel Raum ein – sogar den größten Teil des Romans.

Detailliert schildert Nakazawa, welchem Wahn, welcher verbrecherischen Ideologie und welchem Hass die japanische Gesellschaft in großen Teilen verfallen ist, und was sie sich dadurch auch gegenseitig antut. Dafür nehmen wir die Perspektive von Gen ein, dessen rebellischer Vater ständig gegen den Krieg wütet, für seine Ideale einsteht, dafür aber mit seiner Familie auch einen hohen Preis zahlen muss. Scharfsinnig analysiert er die wahren Hintergründe für den Krieg, wie hier ein ganzes Volk ins Unglück gestürzt wird, nur um die Profit- und Machtgier weniger zu befriedigen.

Er zeigt aber auch Momente des Mitgefühls und der Herzlichkeit. Menschen, die sich vom Hass nicht haben vereinnahmen lassen, die trotz aller Widrigkeiten jenen helfen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt und drangsaliert werden. Und beim Drangsalieren machen alle mit, Lehrer, Polizei, der Dorfvorsteher, die Nachbarn und die Kinder, die von ihren Eltern indoktriniert werden. Als wären die ständigen Bombardements durch die USA nicht genug, als würden sie unter dem Hunger nicht schon ausreichend leiden, macht sich die japanische Gesellschaft das Leben auch noch gegenseitig schwer.

Der große Bruder von Gen wird aufs Land geschickt, wo er von den Einheimischen und den Lehrern/Ausbildern drangsaliert wird, die Tochter wird von der Lehrerschaft gedemütigt, die auf jedes Gerücht sofort anspringt. Überall herrscht Gewalt, auch in der pazifistischen Familie.

Neben der Makroperspektive von Gens Familie zeigt uns Nakazawa aber auch den Rahmen, in dem sich das Unglück anbahnt. Zwischendurch gibt es kurze Ausflüge nach Los Alamos, auch wenn da nicht alles ganz historisch korrekt dargestellt wird (siehe Albert Einstein). Und so werden wir auf den Schrecken schon vorbereitet, von dem wir wissen, dass er bald entfesselt wird. Der Verleger des Mangas schreibt im Nachwort, die letzten 15 Seiten hätten ihn fassungslos zurückgelassen, nachdem er sie das erste Mal gelesen hat. So wie Nakazawa hier den Abwurf der Atombombe über Hiroshima schildert, wie er uns dieses Grauen vermittelt, das kann nur jemand, der es am eigenen Leib erlebt habe.

Allein wegen dieser 15 Seiten ist Barfuß durch Hiroshima der wichtigste Manga, der je geschrieben wurde.

Hiroshima

Hirsoshima ist eine große Metropole mit sehr viel Straßenverkehr und teils verwirrender Verkehrsführung. Schon bei der Ankunft mit dem Shinkansen am Bahnhof habe ich mich verlaufen und musste etwas umherirren, um herauszufinden, dass es hier keine U- oder S-Bahn gibt, sondern nur eine Tram, die von einem zentralen Hub abfährt, der dann relativ einfach zu finden ist. Leider bin ich zu früh ausgestiegen und musste noch mit schwerem Reiserucksack ein gutes Stück bis zum Hotel laufen, das direkt neben dem Friedenspark liegt. Die Straßen sind so breit, es fahren so viele Autos und manchmal kann man die Straße gar nicht geradeaus überqueren. Einmal musste ich in den Untergrund gehen, dachte, es wäre eine einfache Unterführung und landete plötzlich in einem unterirdischen Einkaufszentrum, wo mir die Orientierung zunächst auch schwerfiel. Aber wenn man den Dreh einmal raus hat, kommt man auch in Hiroshima gut zurecht. Ich vermute mal, es liegt an dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, dass die Straßen alle so breit, gerade und parallel zueinander verlaufend angelegt sind.

Es gibt im Stadtzentrum einen wunderschönen japanischen Garten, der in dem ganzen Verkehrstrubel eine Oase der Ruhe bietet und in dem das Kunstmuseum der Stadt liegt, in der auch eindrucksvolle und bedrückende Kunst über den Atombombenabwurf und seine Folgen ausgestellt wird. Kann ich nur empfehlen.

Die Ruine des ehemaligen Gebäudes der Handelskammer, das inzwischen als Friedendenkmal (gembaku dōmu, engl. Atomic Bomb Dome) bekannt, ist, ist als Mahnmal gedacht, bietet aber gerade bei Nacht durch die Beleuchtung ein wunderschönes Fotomotiv. Im Dunkeln ist da auch nicht so viel los und man kann es sich in Ruhe ansehen. Bei Tag herrscht im Friedenspark und im historischen Museum deutlich mehr Trubel. Vor allem das Museum sollte Pflichtprogramm sein, um sich mit der Geschichte der Stadt auch wirklich auseinanderzusetzen, da es im Rest der Stadt schnell verloren geht.

Ich war nur für zwei Übernachtungen dort, währenddessen hat im Friedenspark oder direkt daneben (bin mir nicht ganz sicher) ein Oktoberfest stattgefunden, weshalb ich auf meinem Hotelzimmer plötzlich den Anton aus Tirol und allerlei Jodel-Musik gehört habe.

Von der Stadt aus dem Comic bzw. dem historischen Vermächtnis ist im Stadtbild selbst (zumindest dort, wo ich unterwegs war) nicht wirklich etwas übriggeblieben, aber der Bombenabwurf hat ja auch fast alles zerstört. Ist schon etwas gruselig, an einem solchen Ort herumzulaufen, aber auch wieder aufbauend, zu sehen, dass das Leben dort weitergeht und aus Hiroshima eine moderne Metropole geworden ist.

Was den Comic angeht, habe ich bisher nur den ersten Teil besprochen, die anderen drei Folgen noch. Ich bin gespannt, wie Nakazawa die Nachwehen und Folgen dieser menschengemachten Katastrophe schildert.

Dt. Übersetzung Nina Olligschläger

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