Das gelbe Haus | Mieko Kawakami
Pogopuschel | Veröffentlicht am |

Porträt einer Jugendlichen, die von Familie, Schule und Gesellschaft im Stich gelassen wird, in anderen Mädchen eine Ersatzfamilie findet, mit der sie eine Snackbar eröffnet. Es scheint alles gut zu laufen, bis die Illusion platzt.
Schon in ihren Büchern Heaven und Breasts and Eggs hat sich Mieko Kawakami jungen Menschen gewidmet, die sich nicht in der Gesellschaft zurechtfinden oder von ihr ausgestoßen, diskriminiert und/oder misshandelt werden. In Brüste und Eier ging es um die Rolle von alleinstehenden Frauen, in Heaven um Mobbing in der Schule. Das gelbe Haus widmet sich Mädchen und jungen Frauen, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen und nie wirklich die Chance erhalten, Teil dessen zu werden, was als die „normale“ Gesellschaft beschrieben wird.
Unsere Hauptfigur ist Hana, die uns Anfang 40 erzählt, wie sie aufgewachsen und erwachsen geworden ist. Aufgewachsen unter prekären Verhältnissen bei einer Mutter, die im Rotlichtmilieu unterwegs war und einem abwesenden Vater. Häufig auf sich alleingestellt, lernt Hana Kimiko kennen, eine Freundin ihrer Mutter, die sich zeitweise um sie kümmert und mit der sie später eine Snackbar namens Lemon eröffnet. Mit der Zeit stoßen noch die Jugendlichen Ran und Momoko dazu. Ran, die als Hostesse in einem Club arbeitet, und die Schülerin Momoko, die zwar aus wohlhabendem Hause stammt, aber trotzdem vernachlässigt wird.
Wir erhalten Einblicke in einige prägende Jahre von Hanas Leben, in dem sie schnell erwachsen wird. Vom Vater verlassen, von der Mutter vernachlässigt, findet sie ihre eigene Familie unter ähnlich verlorenen Seelen, zwei Mädchen in vergleichbarer Lage und einer älteren Frau, die ohne andere Menschen nicht zurechtzukommen scheint.
Interessant ist der Blick Kawakamis auf die Frauen mittleren Alters, die im Rotlichtmilieu rund um Hostessen-Clubs und Snackbars gelandet sind. Meist haben sie die Schule abgebrochen und sich an Männer gehangen, von denen sie natürlich ausgenutzt und im Stich gelassen (oft auch misshandelt) wurden. Hier scheint das notwendige soziale Netzwerk in Japan zu fehlen. An Hana, Momoko und Ran sehen wir, wie diese Entwicklung im Detail vor sich geht. Der Schule scheint es egal zu sein, ob sie noch kommen. Etwas, das mir häufig in japanischen Werken und Autobiografien (siehe Mari Okada) begegnet. Manche Schüler*innen scheinen von den Erwachsenen einfach aufgegeben zu werden.
Ich habe schon viele Filme gesehen und Bücher gelesen, die von solchen Situationen erzählen. Kanakos Welt zum Beispiel schildert drastisch, zu was Schülerinnen von Männern verleitet oder gar gezwungen werden. Ich, Tochter eines Yakuza erzählt vom realen Aufwachsen im Zwielichtbereich der japanischen Gesellschaft. Doch so eindringlich und nachvollziehbar wie bei Kawakami ist es mir noch nicht begegnet. Geschickt baut sie die Geschichte auf, die zunächst von jungen Frauen erzählt, die trotz schwieriger Familienverhältnisse einander finden und gegenseitig empowern, und wie sie zusammen in der Snackbar etwas aufbauen, was zum Teil aber auch auf Illusionen fußt und sie in kriminelle Machenschaften verstrickt, als sich Risse in der Fassade zeigen und das Leben mit voller Härte zuschlägt.
Found Family
Das Gelbe Haus ist eine Found-Family-Geschichte, die zeigt, dass auch die Wahlfamilie voller Konfliktpotenzial steckt und viele Mitglieder ihre eigene Agenda verfolgen. Eine Konstellation, die unter gewissen Bedingungen zeitlich begrenzt, manchmal aber auch länger oder dauerhaft, gut funktionieren kann, wenn die Ersatzfamilie zueinanderpasst und sich gegenseitig aufbaut. Gerade in einem Land wie Japan, wo die (Bluts-) Familie einen so hohen Stellenwert hat, aufgrund des Geburtenschwundes und sozialer Vernachlässigungen aber immer weiter in den Hintergrund gerät, ist es wichtig, für Menschen, die einsam sind oder sich in toxischen Familienverhältnissen befinden, die Möglichkeit zu haben, sich ihr eigenes Zuhause mit Menschen zu suchen, mit denen sie sich verstehen.
Einmal mehr beweist Mieko Kawakami ihren feinen Blick für die Sollbruchstellen im gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Feinheiten von zwischenmenschlichen Konflikten und das Leben derer, die durch die sozialen Maschen fallen. Mit viel Empathie und einem einfühlsamen Blick schildert sie auf spannende Weise das Leben einiger junger Mädchen und Frauen in Japan.
Die deutsche Übersetzung von Katja Busson ist bei Dumont erschienen.


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