Die Sicht der Dinge | Jiro Taniguchi

Mein Lieblingsmangaka Jiro Taniguchi war ein Mann der leisen Töne und subtilen Gesten. In Die Sicht der Dinge schreibt er, autobiografisch inspiriert, von einer Rückkehr in den Heimatort, dem Abschiednehmen vom verstorbenen Vater und neuen Perspektiven auf subjektive Erinnerungen. Eine persönliche Besprechung.

Taschenbuchausgabe des Mangas "Die Sicht der Dinge". Auf dem Cover sehen wir einen Friseursalon. Im hinteren Teil schneidet ein Mann einem anderen Mann die Haare, im Vordergrund spielt ein kleiner Junge auf dem Boden.

Homecoming-Stories, Geschichten über das nach Hause Kommen – im Sinne von dem Ort, an dem man aufgewachsen ist, wo die Familie herstammt -, das sind Geschichten, die ich schon immer besonders gerne gelesen habe. Ich wohne auf einem Dorf in der Westerwälder Provinz. Einer meiner besten Freunde ist in seinen frühen Zwanzigern nach Berlin gezogen und hat nie zurückgeblickt. Er hat sich von seiner Heimat und vor allem seinem Vater abgekoppelt. Mir ist das nie so recht gelungen. Ich habe sechs Jahre in Siegen studiert und vier Jahre in Berlin, habe aber mindestens ein Drittel der Zeit immer in meinem Heimatort und im Elternhaus verbracht. Inzwischen lebe ich auch schon recht lange wieder hier. Dabei habe ich jenseits von meiner Mutter fast keine persönlichen Bindungen mehr in der Region. Mein Freundeskreis ist über ganz Deutschland verteilt. Trotzdem fühle ich mich hier zu Hause.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich so gerne Geschichten über Menschen sehe und lese, die den Absprung von zu Hause, vom Ort, an dem sie aufgewachsen sind, geschafft haben. Weil ich mir so ein wenig vorstellen kann, wie es gewesen wäre, wenn ich das auch gemacht hätte. Und dann dieses Gefühl, wenn man nach vielen Jahren oder Jahrzehnten an diesen Ort zurückkehrt, sieht, was sich verändert hat, Menschen von früher trifft und merkt, wie sie sich verändert haben, oder auch nicht.

Yoichi ist 15 Jahre lang nicht mehr „zu Hause“ gewesen. Nach der Trennung seiner Eltern, der Mutter, die die Familie verlassen hat, hat er sich immer weiter von seinem verbleibenden Vater entfremdet, bis er schließlich zum Studium nach Tokyo gezogen und dort geblieben ist. Jetzt ist sein Vater tot, er kehrt zur Totenwache zurück und sitzt mit seinen Verwandten zusammen, die in Erinnerung schwelgen und ihm nicht nur erzählen, was der Vater in den letzten Jahren so gemacht hat, sondern ihm auch die Perspektive seines Vaters auf die Dinge, die davor passiert sind, aufzeigen. Was Yoichis Bild, das er von seinem Vater hatte, ins Wanken bringt.

Yoichis Jugend findet in der Nachkriegszeit statt, das Land befindet sich noch im Aufbau, alle müssen viel arbeiten, der Vater, ein Friseur, hängt sich besonders rein, vor allem, nachdem durch ein großes Feuer ein Großteil der Stadt und auch das Haus der Familie abbrennen. Er muss sich Geld leihen und will das so schnell wie möglich zurückzahlen, um sein Gesicht zu wahren. Wodurch die Familie vernachlässigt wird.

Wir erleben hier die Geschichte einer Familie mit all ihren höhen und Tiefen aus interessanten Blickwinkeln beleuchtet. Den normalen Alltag, mit seinen kleinen Krisen, wenn z. B. der Hund stirbt, aber auch mit den kleinen Freuden. Und wir erleben, wie unterschiedlich die Perspektiven auf diese Ereignisse je nach Person im Rückblick sein können. Unsere Erinnerungen sind nichts Universelles, sie sind subjektive Eindrücke, die sich mit der Zeit verändern.

Jiro Taniguchi ist ein Mangaka der leisen Töne. Er erzählt kleine, einfache Geschichten aus dem Alltag, Slice of Life, die aber gerade wegen ihrer Subtilität eine große emotionale Wucht entwickeln und auf der Beziehungsebene der Figuren komplexer sind, als es zunächst den Anschein hat. Für Die Sicht der Dinge hat er sich als Schauplatz seine eigene Heimatstadt Tottori ausgesucht, die er selbst als junger Mann verlassen und sehr lange nicht besucht hat, wie er im Nachwort schreibt.

Bis zu seinem Tod vor drei Jahren habe ich mit meinem Vater im selben Haus gewohnt. Wir waren uns also durchaus nahe. So richtig verstanden haben wir uns aber nicht. Also, wir sind schon gut miteinander ausgekommen, haben noch bis kurz vor seinem Tod jede Woche eine kleine Fahrradtour gemacht, haben aber trotzdem in unterschiedlichen Welten gelebt. Mein Vater hat zeit seines Lebens als Elektriker in Festanstellung gearbeitet, ich habe zweimal studiert und war dann hauptsächlich als Freiberufler tätig. Mein Vater hat mich immer bei allem unterstützt, auch wenn er oft nicht verstanden hat, was ich gemacht habe und warum. Trotz der Nähe waren wir uns also auf einer gewissen Ebene fremd und nicht in der Lage, die Perspektive des anderen einzunehmen. Vielleicht hat mich Die Sicht der Dinge deswegen am Ende so gerührt, als Yoichi einen kleinen Einblick auf die Sicht der Dinge seines Vaters erhalten hat.

Dt. Übersetzung Josef Shanel und Mathias Wissnet

Japanischer Titel: Chichi no Koyomi/ 父の暦;

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